Bahn 8 übernehme ich!
oder
Warum das Leben die schönsten Geschichten schreibt.
Montagmorgen, 6 Uhr. Das Thermometer zeigt 20 Grad. Mein erster Termin heute ist erst 9:45 .
Also habe ich noch entspannt Zeit, ein paar Bahnen zu schwimmen.
Entspannt ist in diesem Fall das Wort, das Fragen aufwirft. Wo besteht am ehesten die Chance, mich möglichst schwimmend im Wasser bewegen zu können.
Das Freibad im Centrum der Stadt schreibe ich schon mal ab. Keine Chance.
Ich denke an das Bad, in dem ich früher schwimmen war, in meinem damaligen Wohnort vor 20 Jahren. Es liegt sowieso auf der Strecke zu meinem Termin und ich erinnere mich, dass ich dort morgens mit einigen anderen Schwimmern immer eine freie Bahn hatte. Damals noch eine 50 Meterbahn. Lang ist es her und ein Traum jedes Schwimmers. Vor ein paar Jahren wurde sie schon auf 25 Meter verkürzt. Egal. Hauptsache Wasser und Platz.
Als ich auf den Parkplatz fuhr, schwante mir Schlimmes. Und so auch der Blick ins Becken. Aber immerhin waren noch ein paar Lücken zu entdecken. Und so stehe ich, Ausschau haltend am Beckenrad, um mich zu orientieren und um eine Bahn zu finden, die ich mir mit jemanden teilen kann, ohne dass wir uns auf irgendeine Weise stören.
Neben mir am Beckenrand steht eine junge Frau um die 30 und sagt aus dem Nichts: „Bahn 8 übernehme ich.“ Ich schau sie verdutzt an und sage nur: „Ja.“ Mehr gab es in dem Moment ja auch nicht zu sagen. Doch sie war noch nicht fertig. „Und die 8,5 ist auch schon belegt.“ Ich schau sie schweigend an und überlege noch, dass ich Bahnen noch nie in Halber-Schritte eingeteilt habe. Egal. Macht ja auch nicht so viel Sinn im Moment, weil das Becken sowieso voll ist.
Ich lasse mich ins Wasser gleiten und kraule los. Ziemlich geradeaus sogar, denn die anderen Schwimmer halten ihre Bahn. Ich halte den Kopf unter Wasser und den Blick nach vorn, um anderen ausweichen zu können. Gerade mache ich den ersten Zug meiner nächsten Bahn, da höre ich die Frau hinter mir am Beckenrand zu ihrem Mann sagen: … und die Tussi neben dir ..,. In dem Moment drehe ich mich um und schaue sie fragend an. Und mein fragender Ausdruck ist nicht gespielt, denn ich bin verdutzt. Zum zweiten Mal an diesem Morgen. Ich schau sie an und ihr Mann antwortet beschwichtigend: „Sie meint nicht sie. Sie meint die Frau neben ihnen.“ Ich schaue mich um und sehe keine andere Frau. Ich schaue wieder zu ihr und lächele. Keine Ahnung warum. Aber irgendwie finde ich die Situation sehr amüsant.
Ich denke noch, komisch, nur weil ich eine Schwimmbrille aufhabe, heißt das ja nicht, dass ich nichts höre. Seltsame Logik. Ich schwimme unbehelligt weiter und auch die anderen Leute fühlen sich durch meine Anwesenheit nicht gestört. Zwischendrin denke ich noch darüber nach, weshalb ich eine Tussi bin. Hätte mich ja doch interessiert. Aber auch nicht so sehr, dass ich dafür meine freie Bahn geopfert hätte. Ich weiß noch nicht mal auf welcher Bahn ich geschwommen bin, falls ich jemanden hätte sagen wollen: „Bahn ? übernehme ich!“
Warum ich alles so gelassen sehen konnte? Keine Ahnung. Vielleicht wirkte noch der Weihrauch aus dem Dom, in dem ich am Vortag zur Bischofeinweihung war, noch nach. Auf jeden Fall dachte ich, tut es gut, das Leben manchmal einfach mit Humor zu sehen und bestimmte Kommentare von Mitmenschen einfach auch.
